Anstelle eines Gedenk-Gottesdienstes zum Kriegsende in  Mosbach vor 75 Jahren am 2. April 1945

Ankündigungen

„Verleih‘ uns Frieden“ – den inneren und den äußeren Frieden!

„Diese immerwährende Bitte wäre am 2. April um 17 Uhr in der Stiftskirche in Mosbach gesungen worden“, zu dem die Stiftsgemeinde mit Pfr. Victor vom Hoff zusammen mit den Prädikanten Norbert Bienek und Dr. Dorothee Schlegel eingeladen hätten. 

„Suchen wir den Frieden und jagen ihm nach“, lautete die Jahreslosung vom vergangenen Jahr aus Psalm 34,15. Dies könnte auch an Ostern vor 75 Jahren der Wunsch vieler Menschen gewesen sein, auch wenn dieser Frieden nicht so einfach zu finden oder wiederherzustellen ist.

Vielleicht war es die österliche Zeit, die die Christinnen und Christen an ihren Auftrag erinnerte, für Frieden und Versöhnung einzutreten, um Gottes Geschenk des Friedens in der Welt zu bezeugen. Der Weg zum Frieden ist nicht immer einfach zu finden und dann auch zu gehen. Es setzt die Bereitschaft von Menschen voraus, dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sich auf den Weg zu machen enthält den kleinen Frieden, das bisschen Frieden, das für den Alltag und vor Ort so wesentlich ist.

Und das prägte die Menschen damals – vielleicht im Zeichen des Kreuzes und des Festes der Auferstehung Jesu, vielleicht die Hoffnung auf das Friedenslicht, das die Welt und vor allem die Menschen untereinander wieder versöhnt, das ihnen auch den inneren Frieden wieder schenkt, nach all den Zeiten der Angst, der Ungewissheit, des Todes?

Vielleicht war es auch der Frühling, die Blumen, die Sonne, die grünen Zweige, die wie einst nach der Sintflut durch den kleinen grünen Ölbaumzweig zum Symbol des Lebens und des Friedens wurden, den Gott mit den Menschen geschlossen hat.

Gott wollte und will immer auch uns Menschen voreinander schützen – wie wahr, damals und jetzt auch ganz aktuell.

Der von Gott verheißene Frieden (hebräisch Shalom) verbindet Frieden, Heilsein, Unversehrtheit mit Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Dies muss miteinander wachsen und dies bedeutet für uns Menschen, unterwegs zu sein auf der stetigen Suche nach dem Frieden. Einem Frieden, der nicht nur die Abwesenheit von Streit,  Krieg oder den alltäglichen Konflikten meint, sondern auch das gute Miteinander mit allen Menschen und das Wohlbefinden an Leib und Seele.

Dieser innere Frieden, von Gott geschenkt, befreit zum Frieden und zum friedlichen Zusammenleben – und möge dazu verhelfen, uns wieder tief in die Augen zu schauen, ehrlich und mit einem Lächeln, etwas, was die Menschen ab den Ostertagen vor 75 Jahren auch wieder neu erfahren haben.

Werfen wir einen  Blick zurück auf diesen Tag vor 75 Jahren:  Am 2. April 1945, ein Ostermontag, war für Mosbach der Krieg zu Ende. Ohne jeglichen Kampf besetzten amerikanische Soldaten die Stadt.

Ein besonderes Osterereignis in der großen allgemeinen Verunsicherung  dieser Tage, an dessen Abend ein Gottesdienst stattfand. „Und beim Verlassen der Kirche sahen wir auf der Höhe des Finanzamts dann die Amerikaner“, berichtete Zeitzeuge Peter Wendel.

Am Samstag vor Ostern hörte man noch Jagdbomber. Fast den ganzen Tag stand Mosbach unter Artilleriebeschuss.  Flüchtlinge kamen und zogen durch die Stadt. „Ein trauriger Anblick“, wie Irma Kapferer[1] schilderte. „Das ganze Elend kam einem erst voll und ganz zum Bewußtsein beim Anblick dieser Soldaten, die sich unter die Flüchtlinge gemischt hatten. Die Flüchtlinge schleppten oft schwer an Koffern und Bündeln“. Aber sie waren vom heißen Wunsch und Willen beseelt, heimzukommen. „So wurde es Ostern.“

Niemand wusste, ob es nicht doch noch zur Verteidigung der Stadt kommen würde. Der vom damaligen Landrat Dr. Compter an diesem Samstag als Bürgermeister eingesetzte Stadtrat Wilhelm Kapferer kam  „seit diesem Morgen überhaupt nicht mehr vom Rathaus weg[2]“.  Dem Plan von zwei Kampfkommando-Offizieren, den sie ihm gegen 19 Uhr vortrugen, 500 Mann zur Verteidigung der Stadt antreten zu lassen,  kamen nur etwa 100 Männer nach, so dass dieses Vorhaben umgehend aufgegeben wurde. In der Nacht zum Ostersonntag wurden von den beiden Offizieren noch Panzerfaustnester eingerichtet. Wie nah Krieg und die Hoffnung auf Frieden sein können! Die letzten SS-Soldaten verließen am Ostersonntagmittag die Stadt. 

Am Sonntagnachmittag kam eine Deputation aus der Bürgerschaft und beschwor den Bürgermeister, die Stadt unter allen Umständen ohne Kampf zu übergeben. Auch er wollte die Stadt nicht sinnlos zerstören lassen. Dass Bürger doch noch zum Widerstand aufgerufen wurden, war im Rundfunk durchgegeben worden und von einem SA Sturmführer gefordert, obwohl aus Neckarelz bereits das Herannahen der Amerikaner gemeldet wurde. Aber das hätte sinnlose Opfer gefordert und wurde vom Bürgermeister vehement abgelehnt.

Am Ostermontag zwischen 6 und 7 Uhr wurde gemeldet, dass die Amerikaner in Richtung Mosbach unterwegs seien. Sicherheitshalber ließ Bürgermeister Kapferer am Rathausturm die weiße Fahne hissen. Gegen 8 Uhr warf er noch einen ehemaligen Ortsgruppenleiter, der sofortigen Widerstand verlangte, aus dem Rathaus. Die Polizei stellte sich ohne Waffen, auf Anordnung der amerikanischen Befehlshaber, bereits am Ortseingang. Wenig später stand die Vorhut der Amerikaner vor dem Bürgermeister und dem Rathaus, das sie ohne weitere Formalitäten besetzten.  

Der Bürgermeister wurde an diesem Tag achtmal verhört und vor allem gefragt, wie lange er schon dieses Amt innehabe. Nachdem es dann Vollentwarnung gab, waren plötzlich viele Menschen auf der Straße zu sehen – und haben je auf ihre Art ihrer Freude Ausdruck verliehen. Der Alltag änderte sich – und die Menschen bekamen den großen Atem des Friedens zu spüren, auch wenn sehr viele Steine im Weg lagen.

Eva Rechlins Gedicht „Frieden“ trage alltagstauglich dazu bei, Friedens-Hindernisse zu beseitigen. „Die Angst vor Streit und Hass und Krieg lässt viele oft nicht ruhn.

Doch wenn man Frieden haben will, muss man ihn selber tun.

Der Frieden wächst, wie Rosen blühn, so bunt, so schön und still.

Er fängt bei uns zu Hause an, bei jedem, der ihn will.

Vom Frieden reden, hilft nicht viel, auch nicht, dass man marschiert.

Er kommt wie Lachen, Dank und Traum, schon wenn man ihn probiert.

Man braucht zum Frieden Liebe, natürlich auch Verstand,

und wo es was zu heilen gibt, jede Hand.“

Im Gedenkgottesdienst hätten folgende Friedensbitten Platz gefunden.

Wir erinnern an das Ende des Krieges für die Mosbacher Bevölkerung. Wir danken für die mutigen Männer, die die Kapitulation Mosbachs unter Gefährdung ihres Lebens durchführten, um endlich Frieden für die Menschen zu schaffen.

Wir gedenken jedoch auch aller Opfer des Nazi-Terrors. Wir mahnen zum Bekennen von Schuld und zu Umkehr. Wir mahnen, der Versuchung zu widerstehen, die Vergangenheit vergessen zu wollen. Manchmal verdrängen wir das Gestern, um allein im Heute zu leben.

Du, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi hast dich als der geoffenbart, der den Leidenden nahe ist und sich der Opfer erinnert, damit heil wird, was nicht heil ist. Unzählig viel Leid hat der Krieg gebracht. Wir bitten dich für alle Opfer von Gewalt, gleich welchen Bekenntnisses, welcher politischen Überzeugung, welcher gesellschaftlichen Gruppe, welcher nationalen Herkunft.

Das Grauen des Nazi-Terrors ist für viele längst Geschichte – doch manche Opfer leben noch unter uns. Wir bitten um deine Gerechtigkeit, die allein das Unheil der Geschichte überwinden kann.

Oft stehen wir in der Versuchung, die Vergangenheit vergessen zu wollen. Wir bitten dich, für uns und die Kirche, den Mut zur Erinnerung zu bewahren, damit Widerstand erwächst gegen alle Menschennot der Gegenwart.

Terror, Verfolgung, Mord sind auch heute noch für viele Menschen grausamer Alltag. „Menschen-würde“ ist für viele ein Fremdwort. Wir bitten dich um Frieden und Gerechtigkeit in Fülle für alle Menschen. Gott, auch in aller aktuellen Not und Bedrängnis stehst du uns bei. Auf dich hoffen wir heute und alle Tage bis in Ewigkeit und schließen die Bitten dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser ab.

Der Segensspruch, der über diesem 2. April auch zum Gedenken an den Ostermontag vor 75 Jahren steht, lautet:

Geht in diese Welt mit dem Segen des dreieinigen Gottes.

Geht mit dem Segen des Schöpfers dieser Welt,

der Versöhnung schafft zwischen Gott und Mensch, Himmel und Erde.

Geht mit dem Segen unseres Herrn, des Friede-Fürsten,

der uns Menschen Bruder wurde und Erlöser aus Unfrieden und Ungerechtigkeit.

 Geht mit dem Segen des Heiligen Geistes,

der uns auf den Weg Jesus Christi weist, damit wir ihm nachfolgen

und selbst zu Friedenstiftern werden.

Es segne euch der in der Liebe allmächtige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Mit einem Friedenslicht beschenkt hätten die Gäste auf dem Marktplatz vor dem Rathaus „Dona nobis Pacem“  - gib uns Frieden – gesungen und sicher zum Mitsingen bewegt.

 

[1] Aus: Mosbacher Jahresheft 1995: „1945 Zusammenbruch und Neubeginn“, S. 29f.

[2] Aus: Mosbacher Jahresheft 1995: „1945 Zusammenbruch und Neubeginn“, S. 25f.

 

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